Neues Projekt in Mainz! Interview mit „Linkes Zentrum Helene Baumann“

Seit einiger Zeit entstehen in vielen deutschen Städten immer wieder politische Orte,
die einem Gegenentwurf zur aktuellen gesellschaftlichen Lage Raum geben wollen.
Vor einigen Wochen ist auch in Mainz ein neues Projekt mit diesem Ziel in
Erscheinung getreten: „Linkes Zentrum Helene Baumann“. Wir haben die Möglichkeit
bekommen ein Interview mit den Genoss:innen zu führen, um mehr darüber zu
erfahren, was ihre Vision ist, und wie es aktuell um das Projekt steht. Ihre Antworten
findet ihr hier:

gegenmacht.info: Wir freuen uns sehr mit euch sprechen zu können. Als wir erfahren
haben, dass es ein neues Linkes Zentrum in Mainz geben soll, war das natürlich
direkt interessant für uns. Könnt ihr uns vielleicht vorab einmal erklären, was man
sich aus eurer Perspektive unter einem Linken Zentrum vorstellen kann?

Linkes Zentrum: Danke erstmal, dass dieses Gespräch so zustande gekommen ist.
Zur Idee des Linken Zentrums kann man sagen, dass der Name eigentlich Programm
ist. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass sich die gesellschaftlichen Krisen
kontinuierlich zuspitzen, der Alltag immer weniger bezahlbar ist und solidarische
Visionen inmitten von Rechtsruck und Militarisierung kaum einen Platz haben. Seit
Jahren entstehen in diesem Kontext bundesweit, aber auch international,
revolutionäre Projekte. Deren Ansatz ist: Die Krisen des Kapitalismus lassen sich
nicht „wegreformieren“. Stattdessen braucht es einen Gesellschaftsentwurf, der nicht
an Profit, sondern an menschlichen Bedürfnissen, Kollektivität und Solidarität
ansetzt. Genau diesen Ansatz wollen wir besprechen, weiterentwickeln, zugänglich
machen und auch leben. Das alles funktioniert allerdings nur gut, wenn es dafür
einen konkreten Ort gibt – ein Linkes Zentrum. Bisher gibt es unserer Ansicht nach in
Mainz keinen Raum, der das leisten kann. Das wollen wir allerdings genauso wenig
einfach akzeptieren wie die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst. Deshalb war es für
uns eigentlich naheliegend, dass wir dieses Projekt selbst in die Hand nehmen
müssen. Die Idee war schnell geboren und wir haben uns an die Arbeit gemacht,
damit diese Idee Wirklichkeit werden kann: „Linkes Zentrum Helene Baumann“ in
Mainz.

gegenmacht.info: Nice, dass ihr es es geschafft habt da direkt so konkret werden zu
können. Da ihr sie gerade erwähnt habt: Auch wenn wir in euren Beiträgen schon ein
wenig über Helene Baumann erfahren konnten, würden wir wirklich gern erfahren,
wie es dazu kam, dass ihr sie als Namensgeberin ausgewählt habt. Wollt ihr einmal
noch ein bisschen was über sie erzählen?

Linkes Zentrum: Wir sind über die „Trotz alledem!“ Broschüre auf sie aufmerksam
geworden, und möchten uns da direkt bei den Herausgebern bedanken! In der
Broschüre und dem gleichnamigen Projekt werden verschiedene Antifaschistinnenaus Mainz vorgestellt. Wir wissen es sehr zu schätzen, dass diese Geschichten, die
ansonsten so selten Beachtung finden, insbesondere wenn es um weiblichen
Widerstand gegen den Faschismus geht, auf diese Art erhalten bleiben. Helene
Baumann war eben genau eine dieser Frauen. Als Helene Salbrunn geboren lebte
sie seit ihrer Kindheit in Mainz, wo sie ungelernt in einer Munitionsfabrik arbeitete und
später den Namen ihres Mannes – Paul Baumann – annahm. Als Kommunistin und
Antifaschistin war sie auf verschiedene Arten aktiv, als KPD-Mitglied, durch die
Organisation eines Hungermarschs oder Blockaden gegen Naziaufmärsche in Mainz.
Als Mutter von drei Kindern ließ sie sich trotz Repressionen und Verhaftungen nicht
einschüchtern und behielt sich ihre revolutionäre Haltung bei. Genau daran wollen
wir anknüpfen. Wir wollen keineswegs behaupten unsere Situation wäre die gleiche,
nichtsdestotrotz braucht es auch von uns einen langen Atem. Repression, ob
Polizeiknüppel oder zermürbende Gerichtsprozesse, sind Teil der Realität, der wie
als revolutionäre Bewegung entgegenstehen. Das alles macht unser Anliegen nicht
weniger legitim oder notwendig – im Gegenteil! Dieser Anstrengung können wir aber
nur standhalten, wenn wir uns gemeinsam unseren Mut behalten. Helenes Mut soll
uns ein Ideal sein, eine Erinnerung daran, dass es sich lohnt für ein besseres
Morgen zu kämpfen.

gegenmacht.info: Da habt ihr Recht. Das politische Erbe von revolutionären Frauen
kommt in der Erzählung total häufig zu kurz. Wir freuen uns, dass ihr euch dazu
entschieden habt dem ganz bewusst eine Plattform zu bieten, ähnlich wie zum
Beispiel das Linke Zentrum Änne Salzmann aus Offenbach. In eurer Erzählung habt
ihr jetzt schon mehrfach von „wir“ und „uns“ gesprochen. Könnt ihr mehr darüber
sagen, wer ihr eigentlich seid?

Linkes Zentrum: Haha das ist eine gute Frage. An verschiedenen Stellen meinen wir
sicherlich verschiedenes mit „wir“. Was uns als Initiative konkret angeht haben wir
uns als Genoss:innen aus verschiedenen Mainzer Kontexten zusammengetan. Wir
kennen uns alle schon seit einer Weile, wenn auch unterschiedlich lang, weil wir uns
bei verschiedenen politischen Projekten immer wieder über den Weg gelaufen sind
und zusammengearbeitet haben. Was uns eint ist eine grundsätzlich revolutionäre
Haltung. Auf der Grundlage haben wir auch entschieden dieses Projekt gemeinsam
anzugehen. Das Linke Zentrum soll schließlich ein Raum sein, der eine Perspektive
auf ein alternatives Gesellschaftsmodell greifbar macht, ein Raum, in dem man
konkret daran arbeiten kann. Dieses „Wir“ kann sich aber auch auf die gesamte
Bewegung oder auch unsere Klasse beziehen. Dabei geht es darum, für wen dieses
Zentrum denn nun eigentlich sein soll. Das sind sowohl politische Strukturen, die das
Zentrum für Plena oder Veranstaltungen nutzen können, alle Menschen, die
interessiert sind und die vielfältigen Angebote wahrnehmen und sich vernetzen
wollen, wie auch diejenigen die durch die Vorzüge von Gemeinschaft angesprochen
werden. Es ist also nicht nur ein Projekt aus der Szene für die Szene, sondern eins,
was darüber hinaus ansprechend sein will, ohne dabei die eigene Haltung
einzubüßen.

gegenmacht.info: Das klingt ja alles immer schön, und gleichzeitig seid ihr sicher
nicht die ersten, die den Anspruch formulieren mit solchen Projekten nicht nur die
eigene Szene anzusprechen. Was sind eure konkreten Visionen, wie sich der Betriebim Linken Zentrum gestalten soll, sodass er sowohl eine gute Grundlage für
politische Arbeit bietet, aber eben auch tatsächlich darüber hinauswirken kann?

Linkes Zentrum: Natürlich befinden wir uns als Bewegung aktuell stark in der
Defensive. Wir müssen darauf hinarbeiten das zu verändern, auch wenn wir uns im
Klaren darüber sind, dass wir nicht morgen von „Arbeiter:innenmassen“ die Tür
eingerannt bekommen. Wenn wir trotzdem über unsere Szene hinauswirken wollen,
ist es wichtig kontinuierlich präsent zu sein, Angebote zu bieten, die an ohnehin
bestehenden Bedürfnissen anknüpfen und gleichzeitig mit der dahinterstehenden
politischen Haltung nicht hinter dem Berg zu halten, schließlich ist nichts peinlich
daran sich für eine bessere Gesellschaft einzusetzen. Welche Angebote wir später
konkret umsetzen wird sich im Prozess weiter festigen, Ideen, die aber im Raum
stehen sind Straßenfeste, die das Linke Zentrum über die Türschwelle hinaustragen,
Küfas, die durch ein warmes Essen eine kollektive Atmosphäre schaffen, eventuell
Sportangebote, und in Summe die Gewissheit, dass hinter unserer Tür ein Ort wartet,
an dem man grundsätzlich willkommen ist, ohne 9€ für einen Matcha dalassen zu
müssen. Außerdem sollen wie gesagt Gruppen einen Veranstaltungsort und Raum
zum Plenieren bekommen, sowie eine zentrale Anlaufstelle zur Vorbereitung von
Demonstrationen und zum gemeinsamen Zusammenkommen danach. Obwohl
immer wieder von Politikverdrossenheit die Rede ist, heißt das keineswegs,
Menschen seien an ihren Lebensumständen nicht interessiert, sie haben viel eher
die Schnauze voll von einem System, das ihre Stellung ohnehin nicht berücksichtigt.
Was häufig fehlt, um aus der Resignation rauszufinden ist ein Anknüpfungspunkt, an
dem man sich beteiligen kann und auf Menschen trifft, die Mut und Hoffnung
vermitteln. Dieser Anknüpfungspunkt wollen wir in Zukunft werden.

gegenmacht.info: So ein Projekt wäre sicher ein großer Gewinn für Mainz. Also es ist
ja eigentlich peinlich für eine Landeshauptstadt nicht so einen Anlaufpunkt zu haben.
An Ideen mangelt es euch ja nicht. Wie steht es denn um die Umsetzung? Also kann
man denn bald schon mit einer Eröffnung rechnen?

Linkes Zentrum: Wir hatten jetzt ja einige Monate Zeit uns zusammenzusetzen und
uns Gedanken zu machen, wie wir an das Projekt rangehen wollen. Die ersten Ideen
wie das Linke Zentrum sein soll standen schnell. Danach ging die eigentliche Arbeit
aber erst los. Zuerst ging es da um bürokratische Fragen: Wir haben einen Verein
gegründet und ein Konto eröffnet. Die nächste Frage war dann natürlich, wie man
dieses Konto auch füllen kann. Die Mietpreise in Mainz sind super hoch und in der
Regel warten Superreiche nicht darauf ihr Geld an Linke verschenken zu können.
Auf staatliche Förderungen können und wollen wir uns logischerweise auch nicht
verlassen, in einem System, das wir ablehnen, und daher nicht nur von der Polizei,
sondern auch von seinen Behörden keine Solidarität erwarten können. Eine derartige
Abhängigkeit können wir uns nicht erlauben. Wir wollen bestmöglich unabhängig
agieren, und verlassen uns daher auf unsere Solidarität. Das bedeutet, dass das
Projekt durch Spenden finanziert wird. Wir haben unter Genoss:innen und auf Social
Media zum Spenden aufgerufen, und bemühen uns seitdem außerdem darum
öffentlich präsent zu sein. Das Projekt richtet sich an eine Gemeinschaft, zu deren
zusammenwachsen wir beitragen möchten. Unser Frühlingsfest war dabei ein
Highlight. Etwa 70 Leute sind unserer Einladung gefolgt, und haben uns damit ein
klares Zeichen gegeben: Wir sind nicht allein! Es gibt einen Bedarf und auchUnterstützung für unsere Anliegen. In ausgelassener Stimmung haben wir den Tag
gemeinsam gemalt und gegessen und dabei alte und neue Gesichter gesehen. Was
uns noch fehlt ist ein Raum. Wir sind aktuell also damit beschäftigt Räumlichkeiten zu
sichten und hoffen, dass wir damit noch dieses Jahr Erfolg haben werden. Ob das
klappt, hängt neben uns und Glück aber auch an der Unterstützung, die wir
bekommen.

gegenmacht.info: Apropos Unterstützung: Welche Möglichkeiten gibt es denn aktuell,
um euch zu unterstützen?

Linkes Zentrum: Auch wenn sich das Projekt immer weiter konkretisiert ist die größte
Herausforderung aktuell die Kosten zu decken, die auf uns zukommen werden. Die
unmittelbarste Möglichkeit dabei zu helfen, dass das Linke Zentrum Wirklichkeit wird,
liegt also aktuell darin uns mit Dauerspenden zu unterstützen. Nur so können wir
auch längerfristig sparen. Wir sind demnach dankbar für alle Leute, die nochmal
schauen, ob sie monatlich einen Betrag beisteuern können, auch wenn es nur wenig
ist. Am Ende entscheidet, dass wir viele sind. Also richtet sich ebenso die Bitte an
Alle, dass sie über unser Projekt sprechen und Welle machen. Falls ihr von Räumen
erfahrt, die ihr für geeignet haltet, oder entsprechend Kontakte habt, freuen wir uns
natürliche auch immer über Hinweise. Konkretere Beteiligungs- und
Nutzungsmöglichkeiten gibt es dann, sobald wir eröffnen können. Bleibt da gerne
gespannt! Für konkrete Nachfragen kann man auch gerne auf uns zukommen. Bisher
sind wir bereits sehr dankbar für die Unterstützung, die wir schon bekommen, damit
es klappt brauchen wir allerdings noch mehr! In diesem Sinne würden wir uns auch
nochmal für dieses Interview bedanken, welches mit seiner Öffentlichkeit vielleicht
dabei helfen kann, dass noch mehr Menschen von unserem Projekt erfahren.
Und ansonsten bis bald im Linken Zentrum Helene Baumann!
gegenmacht.info: Vielen Dank euch für das Gespräch und natürlich für eure Initiative!
Wir wünschen euch viel Erfolg und hoffen euch bald auch im Zentrum besuchen zu
können!

Das war unser Interview mit „Linkes Zentrum Helene Baumann“ aus Mainz. Wenn ihr
die Idee überzeugend findet, freuen wir uns, wenn ihr die Genoss:innen mit einer
monatlichen Spende unterstützen könnt. Leitet dieses Interview gern weiter, an Alle,
die gern mehr erfahren wollen.

Kontoverbindung
Empfänger: Gemeinsam für Bildung und Kultur e.V.
IBAN: DE96 5535 0010 0022 9490 88
BIC: MALADE51WOR
Verwendungszweck: “Spende”